Kersten Artus

Journalistin, Veranstaltungsmoderatorin, Öffentlichkeitsarbeiterin, Trauerrednerin

Urlaub mit den Enkeln – anstrengend schön

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Ich habe schon oft Paare gesehen, die mit kleinen Kindern, die ganz offenbar ihre Enkelkinder gewesen sind, Urlaub machten. Ich habe mir bislang wenig dabei gedacht, außer dass es eben Großeltern mit ihren Kindeskindern sind. Das ist jetzt vorbei. Denn wir haben das erste Mal Urlaub mit unseren beiden Enkeln gemacht. Bitte: Wenn Sie künftig Menschen mit kleinen Kindern sehen, die ganz offenbar die Großeltern dieser Kinder sind, seien Sie aufmerksam. Seien Sie freundlich. Seien Sie zugewandt. Schauen Sie so, dass diese Menschen das Gefühl bekommen, dass sie gerade etwas ganz Außergewöhnliches machen.

Dabei ist es ja zum einen so, dass man das kennt. Man hatte selbst einst kleine Kinder und mit denen ist man in den Urlaub gefahren. Unseren ersten Urlaub mit unseren machten wir in Bulgarien. Sommer 1989. Unser Sohn eineinhalb, unsere Tochter elf Monate, kurz vorm aufrechten Gang. Der Flug war entspannt, das Hotel furchtbar: Es gab kein abgekochtes Wasser außerhalb der Restaurantzeiten. Unvergessen ist uns geblieben, wie unser Sohn die Wellen anbrüllte, als sie seine Füße umspielten: „Lass das, Wasser!“ Später fuhren wir abwechselnd auf die Balearen im Mittelmeer und nach Dänemark. Mal Nordsee-, mal Ostseeseite. Die Urlaubshighlights: Eis, Pommes, Drachensteigen, Legoland, Mückenstiche. Unsere Tochter feierte ihren 8. Geburtstag auf Formentera. Unser Sohn stieg einmal mit einem Fallschirm, der mit einem Band an einen Boot festgemacht war, in die Luft. Er strahlte vor Glück, wie schwitzten vor Angst.

Als Eltern ist man durch die Kinder konditioniert. Man ist es gewohnt, sie immer um sich zuhaben und damit das gelebte Chaos, Streitereien, Verhandeln um Taschengeld, Fernsehgucken, Süßigkeiten, Zähneputzen, Schlafengehen. Eltern überleben das, weil sie langsam in ihre Rolle hineinwachsen. Und sie regenerieren in den Schlaf-, Schul- und Kitazeiten der Kinder, und erst Recht ab dem Moment, wo die Kinder in WGs ziehen, ins Studierendenwohnheime, in die erste eigene Bude. Ja, man vergisst sogar vieles aus der Zeit, behält fast nur das Schöne in Erinnerung.

Wer ein Neugeborenes hat, hat noch keine Vorstellung davon, was es heißt, einen dreijährigen laufenden Meter stampfend durch die Wohnung erleben zu müssen. Und wer das kennt, ahnt nicht, wie sich Pubertät anfühlt, die hinlänglich als die Phase bekannt ist, in der man nicht weiß, ob man überhaupt etwas richtig gemacht hat und sich fragt, wo man den Titel „Eltern“ wieder abgeben kann.

Mit Enkelkindern ist das anders. Großeltern sind entspannter. Man muss an ihnen nicht herumerziehenn. Und abarbeiten tun sich die Kleinen an ihren Eltern. Oma und Opa lesen vor, spielen Duplo und erlauben viel mehr Schokis. Ja, es ist schön, Oma und Opa zu sein. Vor allem, weil man die Lütten ja meistens nach ein paar Stunden wieder abgibt. Auch wenn mein Enkel bei mir übernachtet, ist das immer etwas besonders, die Zeit nehme ich mir.

Wenn man mit den Enkeln wegfährt, sind sie die ganze Zeit um einen herum. Und was das bedeutet, das sehen Sie den Menschen, die Sie an Ihrem Ferienort mit ihren Enkelkindern sehen, nicht an! Dass sie ganze Zeit um einen herum sind, das heißt nämlich konkret: Beim Aufstehen. Beim Frühstück. Danach, wenn man sonst in Ruhe die Zeitung liest oder ins Internet geht. Oder einkaufen, spazieren, an den Strand sich sonnen, fahrradfahren, zweites Frühstück im Café. Das geht dann alles nicht!

Meine Enkel sind jetzt drei Jahre und vier Monate alt. Der Kleine schläft noch nicht durch und wird bis auf eine Obstmahlzeit noch voll gestillt. Er will entweder an die Brust oder sein Raschelspielzeug oder getragen werden oder in halbstündige Nickerchen geschaukelt und gesungen werden. Wenn eine Störung passiert, schreit er. Weint er. Kneift die Augen zusammen, reißt den kleinen Mund auf, ballt die Hände zu Fäustchen, gibt markerschütternde Töne von sich.

Der Große ist normalerweise in der Kita. Ein dreijähriges Kitakind ohne Kita ist tagsüber ungefähr so gut auszuhalten wie eine Katze, der du nicht pünktlich das Frühstück gibst. In Blåvand gibt es keine Kita für urlaubende kleine Deutsche. Der Große mag Dinos und Drachen, die Bücher vom Grüffelo und von Feuerwehren. Er mag Fußball und trägt am liebsten den ganzen Tag Trikots und Stutzen und Kicken. Er möchte lieber toben statt im Auto sitzen. Wie ein Drache brüllen statt leise zu sein, etwa weil sein Bruder schläft. Noch einen Schokokeks. Nicht raus an den Strand. Nicht weg vom Strand. Den Käse nur ohne Brot essen. Im Garten Fußball spielen, auch wenn der Rasen nass ist. Noch ein Elefant-Maus-Hase-Video. Und wenn ein Erwachsener, seine Mama, „nein“ sagt, wird er sauer. „Nein“ gibt es in seiner Welt nur dann, wenn er es sagt. Kinder in seinem Alter sind noch nicht in der Lage, das „nein“ eines Erwachsenen ohne Widerstand zu akzeptieren. Einen schlecht gelaunten Dreijährigen wünsche ich niemandem.

Eine Woche Dänemark, zusammen mit meiner Tochter und den beiden Jungs. Wir haben wieder neu erfahren, wie es ist, den ganzen Tag kleine Kinder um sich zu haben, die meistens gut, aber manchmal auch ziemlich schlecht gelaunt sind. Der Große hatte am ersten Tag auch noch großes Heimweh. Wir konnten nicht immer raus, weil der Wind am Strand zu stark war, weil es manchmal wie aus Eimern schüttete. Manchmal wollte er nicht raus, weil die Dinos und Drachen drinnen tobten, brüllten, stampften.

Wir haben uns abgewechselt. Mit dem Spielen, dem Vorlesen, dem Zubettbringen, dem Essenkochen. Dem Trösten. Den Löwinnenanteil hatte meine Tochter, vor allem die Nächte. Mütter mit Säuglingen, vor allem den zweiten, leisten Unmenschliches. Löwinnen. Wie habe ich das damals überlebt?

Wir haben gemalt, gebastet, gesungen. Den Bollerwagen geschoben. Die Minigolffelder bestiegen. Gegrillt. Am Strand eine Burg gebaut, Muscheln gesucht. Eis gegessen. Waren im Spielwarengeschäft. Der Dreijährige kann schon beim Kochen helfen, Petersilie kleinschneiden. Opa jagte mit dem Großen mit Schnellschnappern und Langhälsen durch das Haus. Ihn abends ins Bett zu bringen, noch ein Buch und noch ein Buch vorzulesen und noch eine Geschichte von Dinos zu erfinden, machten Spaß. Den Kleinen mit La-Le-Lu in den Schlaf zu schuckeln, erzeugte ein nahezu spirituelles Gefühl.

Dazwischen immer wieder aufräumen, einkaufen, kochen. Wie schaffen das Eltern im Alltag? Wie haben wir das geschafft? Wie schaffen dass Mütter, deren Männer der Job wichtiger ist als die Familie?

Wir waren müde, wir fühlten uns erschöpft. Nach nur einer Woche. Einmal am Tag Tagesschau sehen, ab und zu ins Internet. Emails checken. Ein paar Urlaubsfotos auf Facebook hochladen. Dann wollte auch schon wieder das Baby in den Schlaf geschuckelt werden. Früh ins Bett, halb elf. Sechs Uhr Frühstück, Dinos brüllten und stampften. Meine Zeitung gab es tagesaktuell in Blåvand, aber ich habe sie nur rudimentär lesen können. Ein bisschen zu stricken schaffte ich auch.

Wir haben das erste Mal Urlaub mit unseren Enkeln gemacht. Und nicht das letzte Mal. Es war schön. Schön nah. Schön liebevoll. Schön anstrengend. Und eine ganz besondere Woche: Der Große hat gelernt, Kerzen auszupusten. Der Kleine hat in dieser Woche gelernt, sich mit durchgedrückten Ärmchen aufzustemmen. Nebenbei haben wir uns gut erholt.

Denken Sie nun, nach dem Lesen dieses Textes anders über Menschen, die mit Kindern, die ganz offenbar ihre Enkel sind, Urlaub machen?

 

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