Kersten Artus

Journalistin, Veranstaltungsmoderatorin, Öffentlichkeitsarbeiterin, Trauerrednerin

Sexuelle Bildung und ein Recht auf Informationen für alle

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pro familia Hamburg hat 16 Sprachmittlerinnen mit einer selbst konzipierten Veranstaltungsreihe fortgebildet. Ein bislang einzigartiges Projekt, das Erfolg hat.

Ein Bericht von Kersten Artus, Vorsitzende pro familia Hamburg


„Da unten“ kann vieles bedeuten. Bei pro familia Hamburg wissen die Berater*innen und Sexualpädagog*innen allerdings meistens, was damit gemeint ist. Sie machen in ihren Beratungen und Veranstaltungen oft die Erfahrung, dass viele Menschen über bestimmte Körperregionen nicht sprechen können oder wollen, geschweige denn innere und äußere Geschlechtsorgane benennen oder zuordnen zu können. Eben die „da unten“.

Oft ist Scham ein Grund, Dinge nicht aussprechen zu können, um die es bei pro familia geht. Es kommt vor, dass Ratsuchende Begriffe gar nicht erst kennen. Nicht nur inhaltliche Begriffe sind bei Zeiten unbekannt; auch jene, die sich um das Angebot von pro familia Hamburg drehen. In manchen Sprachen gibt es den Begriff „Beratung“ nicht. Es muss also erklärt werden, dass man sich da gegenübersitzt und nicht etwa einer Anweisung folgen muss. In vielen Teilen auf der Welt ist es nicht üblich, bei Problemen fremde Menschen aufzusuchen – dafür gibt es die Familie.

Aber wie kann man gut beraten und beraten werden, wenn die Voraussetzungen zwischen Ratsuchenden und Ratgebenden so verschieden sind? Vor allem Sprachmittler*innen leisten hier eine wichtige Arbeit zum Verständnis, die über das reine Übersetzen hinausgeht. Das gilt nicht nur für das Vermitteln von Sprache, sondern auch von Gefühlen wie beispielsweise Sorgen und Ängste.

Nahid Yakmanesh, ausgebildete Krankenschwester ist bei pro familia als Kulturmittlerin tätig. Sie hat gemeinsam mit den Sexualpädagoginnen Annika Arens und Anna-Lena Leifermann eine Fortbildung für Sprachmittlerinnen entwickelt – die aus einer Informationsveranstaltung und fünf Tagesmodulen bestand. Sorgen um genügend Interessentinnen für diese Fortbildung machten sie sich nicht: „Wir verfügen über ein gut funktionierendes Netzwerk in communities, Arbeitskreise und Netzwerke (Stadtteilmütter, Savia und andere Netzwerke), in denen Frauen wirken und arbeiten. Daher konnten wir eine Fortbildung mit 16 Frauen stattfinden lassen. Zu einigen von ihnen bestand schon vorher ein guter Kontakt“, berichteten sie.

Eine wichtige Voraussetzung war, dass den Teilnehmerinnen diese berufliche Qualifikation bezahlt wurde. Das Geld dafür kam aus dem Integrationsfonds der Freien und Hansestadt Hamburg. Es war die Hamburger Bürgerschaftsabgeordnete und Feministin Gabi Dobusch, SPD, die sich dafür eingesetzt hatte, dass das Projekt aus diesem Fond Geld bekam. Sie sagt: „Wer jemals im Ausland krank wurde oder versucht hat, Fragen rund um Sexualität, Verhütung oder Schwangerschaft in einer fremden Sprache und Kultur zu klären, kann vielleicht abschätzen, vor welcher Herausforderung viele der hierher Geflüchteten stehen. Um so wichtiger ist es, schnell und unbürokratisch Sprachmittler*innen fortzubilden, damit sie bei diesen oft heiklen Themen sensibel und kompetent zugleich unterstützen können. Pro familie ist hier aktiv geworden – ein wichtiges Projekt, das insbesondere Frauen und Mädchen zu Gute kommt.“

16 Frauen, die 13 Sprachen mitbrachten. Einige hatten ihre Kinder dabei – auch dies ist eine Tatsache, die dazu gehört, wenn Frauen sich weiterbilden wollen.

Im Juli 2017 fand die Auftaktveranstaltung statt, in der pro familia als Verband und die Arbeitsweise der Berater*innen und Sexualpädagog*innen vorgestellt wurde. Wer sich danach vorstellen konnte, zu all den vielen Themen von Sexualität(en) Sprache mitteln zu wollen, war willkommen an den Fortbildungsmodulen teilzuhaben. Zu Beginn ging es um die Reflexion zur eigenen sexuellen Sozialisation. In vertrautem Rahmen wurde über viele ähnliche wie kontroverse, aber durchweg persönliche Themen gesprochen. Beeindruckt waren die Expertinnen darüber, wie respektvoll über Unterschiede gesprochen wurde. Einig waren sich alle darüber, dass sich Ratsuchende aus der Einwanderungsgesellschaft in deutschen Institutionen oft stigmatisiert fühlen und zum Opfer degradiert werden. Sie nehmen dann keine Ratschläge oder Hilfe mehr an. Eine Haltung, die man verstehen sollte, um auf Augenhöhe zu bleiben.

Eine gemeinsame Reise des gegenseitigen Lernens

Und so wurde die Fortbildung eine gemeinsame Reise des gegenseitigen Lernens. Vorhandene Schamgefühle kennen lernen oder Begriffe identifizieren, bei denen man sich nicht wohl fühlt, wenn man sie ausspricht. Oder wenn es eben kein Wort für ein Körperteil gibt. Wie beschreibt man zum Beispiel das kleine Organ, von dem man äußerlich nur einen kleinen Hügel sieht und fühlen kann, das aber als Teil der Vulva eine wesentliche Funktion für die weibliche Sexualität hat? Es ging bei der Fortbildung also auch darum, eine fachliche Selbstverständlichkeit herzustellen und passende Formulierungen zu finden, damit sich auch die Sprachmittlerin wohl fühlt und professionell handeln kann.

Den Abschluss der Module bildete eine Ideensammlung für Materialien, die zum Beispiel für die Bildungs- und Beratungsarbeit hilfreich sein können: Flyer, Grafiken, Figuren. Und es entstand eine Sammlung von Begriffen in den verschiedenen Sprachen, die beim Übersetzen immer wieder vorkommen.

Nahid Yakmanesh, Annika Arens und Anna-Lena Leifermann würden die Fortbildung gern im Regelangebot von pro familia Hamburg verankern. Weitere 20 Frauen haben sich bereits auf eine Warteliste setzen lassen – das Angebot hatte sich in den communities schnell herumgesprochen.

Deutlich wurde schnell, dass es eine kontinuierliche Bildungsarbeit zwischen Beratungsstelle und Sprachmittlerinnen geben müsste: „In der Einwanderungsgesellschaft, die von sozialer Ungleichheit geprägt ist und Menschen demnach nicht die gleichen Chancen und Handlungsoptionen bietet, schlagen die Sprachmittlerinnen eine Brücke.“, sagen die pro familia Mitarbeiterinnen. „Auch wir müssen diese Brücke schlagen, um die strukturelle Benachteiligung zu verändern. Und um Bündnisse zu schließen: Nur in der Zusammenarbeit können wir dafür sorgen, dass alle Frauen und Mädchen von ihrem Recht auf Aufklärung und auf Beratungs- und Bildungsangebote erfahren und gleichwertige Zugänge zu Ressourcen und Dienstleistungen erhalten.“

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