Kersten Artus

Journalistin

Der letzte Zopf

| 7 Kommentare

cropped-img_4569Ich habe heute den „letzten Zopf“ abgeschnitten und meine Proficard in der Bürgerschaftskanzlei abgegeben. Die KollegInnen haben sich gefreut, „ein vertrautes Gesicht“ wiederzusehen. Denn „man muss ich ja erst an die Neuen“ gewöhnen.
Für mich liegt das Bürgerschaftsmandat gefühlt schon weit zurück, was ich erstaunlich finde. Ich dachte, das Loslassen fällt viel schwerer. Ich kann mir kaum noch vorstellen, in das Terminkorsett der Abgeordnetenaufgaben eingespannt zu sein, wie das sieben Jahre lang der Fall gewesen ist.

Wohlweislich habe ich aufgehört, Hamburger Tageszeitungen zu lesen. Das macht es mir leichter, nicht andauernd mit den vermeintlichen Wichtigkeiten der Alltagspolitik konfrontiert zu sein. Manche Meldungen, die ich am Rande mitbekomme, wirken vor diesem Hintergrund fast lächerlich. Ich frage mich: Ist das der chinesische Sack Reis? Morgen sind die Themen X, Y, Z eh wieder vergessen.

Ich habe auch Listen abbestellt, die mich über die Social-Media-Aktivitäten Hamburger Bürgerschaftsabgeordneter auf dem Laufenden hielten. Mit wem ich nicht „befreundet“ bin, von der/dem kriege ich auch jetzt nichts mehr mit. Mir fehlt nichts. Da war vorher auch nicht viel außer Selbstdarstellerei, wenn ich mich richtig erinnere.

Was fehlt mir? Ein wenig das ergebnisorientierte Arbeiten. Das war für ein Arbeitstier wie mich oft purer Lustgewinn. Ich habe mir Ersatz „besorgt“: Die Beete, der Rasen und die Laube meines neuen Kleingartens. Ich renoviere, rupfe, mähe, schaufel und grabe. Statt in Boutiquen shoppe ich jetzt im Baumarkt.

Als sich das Mandat dem Ende neigte, dachte ich, dass mir die Öffentlichkeit, sozusagen die „Bedeutung des Seins“ fehlen würde. Das ist nicht so. Zum einen kann ich meine Beiträge zu gewerkschafts- oder frauenpolitischen Fragen in den sozialen Netzen platzieren und erlebe gute Zugriffsraten auf meinen Blog. Zum anderen habe ich mit dem Projekt für die Hamburger Frauenhäuser, mit dem mich die Sozialbehörde beauftragt hat, viel zu tun. Es ist eine andere, konzeptionellere Arbeit, die nicht jeden Tag eine Verlautbarung benötigt.

Am 1. Mai wurde ich von einem Mitdemonstrierenden gefragt, warum ich keine Rede am Fischmarkt halten würde. Ich sei doch Bürgerschaftspräsidentin. Tatsächlich habe es einige nicht mitbekommen, dass ich nicht mehr im Rathaus aktiv bin. Andere fragen mich, ob ich wieder voll in meinem alten Beruf tätig bin. Es haben offenbar noch weniger mitbekommen, dass ich auch nicht mehr bei Bauer arbeite, sondern mich nach 33 Jahren glücklich verabschiedet habe, mich derzeit in einer Freistellung befinde und zum Frühjahr 2016 einen neuen Job suche.

Oft werde ich gefragt, ob ich noch in der Partei bin. „Ja“, sage ich, „natürlich“. Ich habe sogar zwei Sprecherinnen-Funktionen auf Landes- und Bundesebene. Allerdings muss ich konstatieren, dass ich DIE LINKE manchmal wie ein Irrenhaus empfinde. Einige Entscheidungsprozesse laufen umständlich, unprofessionell und aktionistisch. Versuche, mich für eine Kandidatur für den Landesvorstand zu bewegen, habe ich daher rigoros verweigert. Ich erfreue mich daran, mit klugen und netten GenossInnen gute Diskussionen zu führen,auf Demos zu gehen und kleine Projekte umzusetzen. Alle Spinner und Sektierer können mich mal.*

Ob ich für den Bundestag kandidieren wolle, möchten einige wissen. Das ist ein ganz schwieriges Thema. Mit meinen Erfahrungen aus sieben Jahren Landtag, den chaotischen Vorgängen um die Landeslistenaufstellung zur diesjährigen Bürgerschaftswahl und meinen beruflichen Wünschen würde ich in so ein Vorhaben ganz gewiss nicht naiv hineinstolpern. Es gibt Besseres. Es gibt Befriedigenderes. Es gibt Arbeiten, die einen glücklicher machen. Genau das habe ich vor: Glücklich arbeiten. Diese Freiheit nehme ich mir für die zweite Hälfte meines Lebens.

 

* Gregor Gysi sagte einmal, in jeder Partei gibt es zehn Prozent Idioten. Diesen Teil der Partei meide ich.

7 Kommentare

  1. Das Glücklichsein und die glückliche Arbeit wünsche ich dir. Bleib einfach so wie Du bist!

  2. Wow, das sind viele Neuigkeiten auf einmal… meinen Glückwunsch! Wer die Möglichkeit einer 180-Gradwende hat, sollte sie nutzen – das Leben hat tatsächlich noch so viel mehr zu bieten… Viel Spass und Erfolg

    wünscht Thomas

  3. Liebe Kersten, das ist eine schöne Rückbesinnung, kraftvolle Seins-Beschreibung und sinnvolle Zukunfts-Betrachtung. Alles Gute. – Und zu den Spinnern und Idioten: Als es noch die WASG gab, sagte ich einmal, dass die Hälfte dabei sei, weil sie nicht das Geld für einen Psychater hätten. Das hat sich gebessert: Jetzt haben sie einen, der heißt O.W und die anderen gehen regelmäßig in die Sprechstunde beim VS.
    Besten Gruß, Wulf

  4. Liebe Kersten – herzlichen Glückwunsch zu so viel Abgeklärtheit. Was Deine Diagnose über den Zustand der LINKEN angeht, muss ich Dir leider Recht geben (wir haben AUCH so einen Spinner hier im Kreisverband und er hat im letzten halben Jahr sehr viel Schaden angerichtet…) ansonsten hoffe ich, wenn Du zum Beispiel der Gilde der selbständig arbeitenden Sexarbeiterinnen weiterhin gewogen bleibst und mit Deinem nüchternen Blick auf die Realitäten ein wohltätiges Gegengewicht zu dem oft reichlich übertriebenen und vor allem von keinerlei Sachkenntnis angekränkelten Aktionismus gewisser linker Gruppierungen im weiblichen Teil der LINKEN schaffst. Sehen wir uns auf dem Bundesparteitag in Bielefeld?

    • Liebe Almuth, herzlichen Dank für das nette Posting. Leider bin ich nicht in Bielefeld, da ich Opfer der geschrumpften Westmandate geworden bin. Ich werde den PT im Livestream verfolgen. Sexarbeit bleibt eines meiner politischen Schwerpunktthemen – gegen jede Sektiererei und falschen Vergleichen! Liebe Grüße, Kersten

  5. liebe kersten,
    ich wünsche dir zum zweiten lebensabschnitt alles gute. solltest du Interesse an einem mandat in der sozialen selbstverwaltung haben melde dich bitte. 030 6956-2140
    liebe grüße
    axel schmidt

  6. Hört sich gut an, Kersten, mach weiter so! Für mich allerdings ist durch Deinen Abschied aus der Bürgerschaft ein leerer Stuhl geblieben. Ich hatte mich daran gewöhnt, Dich jeder Zeit mit Frauensachen im Bürgerschaftsbüro behelligen zu können. Ein geflügeltes Wort sagt aber: „Jeder Mensch ist ersetzbar“ – was ich diesbezüglich nicht bestätigen kann. Statt mit Frauenthemen beschäftige ich mich nun kommunalpolitisch. Ist auch ganz OK. Die weltanschalichen, philosophischen Themen begleiten mich wie eh und je – das bedeutet Kontinuität und Zielgerichtetheit in meinem Leben.

    Es wünscht Dir alles Gute für die Zukunft und eine weitere interessante und befriedigende Entwicklng Deiner Persönlichkeit!

    Reinhild

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