Kersten Artus

Journalistin

Wenn der dicke Tanzbär streikt

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oskarstreiktUpdate 16.5.  (Fotos aus dem Jahr 1989 eingefügt) Zart bläst er in die Trillerpfeife, entlockt ihr ein leises Tönchen. Sie ist rot, aus Plastik und trägt ein Gewerkschafts-Emblem. Es ist Streik. Die Beschäftigten der Sozial- und Erziehungsdienste sind im Ausstand. Mein Enkel macht mit, an seinem Kinderwagen weht eine selbst gefertigte Flagge. Er besucht seine Erzieherinnen auf der Kundgebung vorm Gewerkschaftshaus und lässt sich fahren, als sich der Demonstrationszug in Bewegung setzt.

Seit einigen Wochen ist der Kleine in der Kita und hat sich prima eingelebt. Ein paar Mal habe ich ihn bereits alleine hingebracht. Anfangs mochte der die Übergabe nur von meinem auf den Arm „seiner“ Nadja. Zuletzt ist er eigenständig von der vorgelagerten Garderobe in seinen Gruppenraum getapst. Bereits beim Ausziehen der Jacke und Schuhe schaut er durch die halboffene Tür nach den anderen Kindern.

Anhang 1Als unsere Kinder im Kita-Alter waren, haben wir sie auch zum Streik ihrer Erzieherinnen mitgenommen. Und als wir 1989 unter dem Motto „Skandal um Rosi“ gegen die Kürzungspolitik der Schul- und Sozialsenatorin Rosemarie Raab demonstrierten, waren sie auch mit dabei. Der Slogan lehnte sich an den Gassenhauer der 1980er Jahre, „Skandal um Rosi“ von der Münchner Spider Murphy Gang, an.

Anhang 4Der Hamburger Liedermacher Peter Gutzeit, selbst Vater, hatte kreativ einen neuen Text unterlegt. Einige Auszüge daraus: „Die Kinder stehen  auf Wartelisten sich die Füße platt, hey Männer rückt die Kohle raus, für Schule und das Kitahaus, Skandal am Rathausmarkt … Weil sie nichts für für Kinder tut, nicht mal die SPD ausbuht, … die Kinderfeinde müssen gehn, … Skandal um Rosi …“

Mein Enkel lernt viel in der Kita. Sie singen dort Lieder und tanzen dazu. „Ich bin ein dicker Tanzbär“ ist eines der Lieder, er tanzt und singt es zuhause nach. Dazu stapft er durch den Raum und singt, klatscht in die Hände. Wenn ein knapp 16 Monate alter Knirps wie ein „dicker Tanzbär“ durch das Zimmer stapft, sieht das ziemlich lustig aus. Er tanzt nicht für sich allein: Er will, dass wir mitmachen. Musik lernt er als etwas Soziales, Gemeinschaftliches.

In einem Musikmagazin für Kitas liest sich das so: „Musik eröffnet Kindern vielfältige Entwicklungsmöglichkeiten. Schon die ersten Berührungen mit Musik sollten kompetent gestaltet sein, denn gerade die ersten Jahre sind besonders wichtig. … Wie werden Kita-Kinder optimal gefördert? Diese brandaktuelle Frage wird hier erneut aufgegriffen und anhand der Themenbereiche Sprachförderung und  musikalischer Resilienzförderung – wie die Seele durch Musik und Bewegung gestärkt werden kann – betrachtet.

Resilienz. Der Begriff begegnete mir vor einigen Jahren. Damals hatte er nur wenigen bekannt. Heute gibt es populäre Bücher darüber. Resilienz beschreibt die psychische Widerstandsfähigkeit eines Menschen: Wie bewältige ich Krisen? Wie gehe ich mit Rückschlägen, Niederlagen, schlimmen Erlebnissen um? Jeder Mensch benötigt Bewältigungsstrategien für unvermeidliche Stressmomente im Leben. Die einen schaffen das ganz gut, andere weniger. Resiliente Kinder sind in der Schule besser. Sie sind weniger aggressiv, sie sind vertrauenswürdiger. Sie sind nicht etwa „härter im Nehmen“. Sie suchen sich eher Hilfe und können über ihre Gefühle besser sprechen.

Es ist doch wichtig, dass Kinder von klein auf Bewältigungsstrategien lernen. Spielerisch. Mit Spaß. Damit sie gewappnet sind für Momente und Phasen, in denen sie diese Fähigkeiten abrufen können. Oder etwa nicht?

Abgesehen davon finde ich es gut, dass das musikalische Talent meines Enkels gefördert wird. Er singt gern, hat Rhythmus. Seit er stehen kann, wippt er, hört er Musik. Er wippt selbst, wenn ich Körner durch die Getreidemühle gebe und es im Takt geschrotet wird. Wir haben in den 1990ern noch extra einen Kurs „musikalische Früherziehung“ organisieren müssen. Heute ist das Bestandteil des Kitaalltages.

Kitas sind schon lange keine Kindergärten mehr, in denen die Kleinen verwahrt werden, weil die Eltern arbeiten müssen. Es sind Orte frühkindlicher Bildung. Die Anforderungen an die Erzieherinnen sind gewachsen. Daher ist es nicht zu akzeptieren, dass sie weniger verdienen als beispielsweise eine Grundschullehrerin. Und da die Kita-Gruppen immer noch viel zu groß sind, ist der Job auch sehr belastend und verdient im Grunde genommen eine Erschwerniszulage.

Für mehr Geld und bessere Arbeitsbedingungen zu streiken, finde ich gut. Dass Eltern und Großeltern solidarisch sind, ist wichtig. Und dass die Lütten mitmachen, sollte selbstverständlich sein. Immerhin kann mein Enkel seitdem auch in die Trillerpfeife blasen.IMG_3278

Ein Kommentar

  1. Das werde ich weiterleiten. Es ist keine Drohung, aber der Text ist mal wieder sehr gut.

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