Kersten Artus

Journalistin

Okay, reden wir endlich über sexistische Gewalt

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gewalt_gegen_frauen_02Okay, reden wir über Gewalt an Frauen. Wir begehen seit vielen Jahren am 25. November den internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen und Mädchen. Wir treffen uns dazu mal im Rathaus, mal auf Veranstaltungen – weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit. Brötchentüten mit dem Aufdruck „Gewalt kommt nicht in die Tüte“ gibt es in wenigen Tausend Exemplaren, kauft man beim Bäcker ein. Hatten Sie eine in der Hand? Im letzten Jahr hat die Hamburger Sozialbehörde eine Kampagne dazu entwickelt. Wer erinnert sich an diese? Es gibt seit einiger Zeit das bundesweite Hilfetelefon für Frauen, die Opfer von Gewalt wurden. Kennen Sie die Nummer? Ach, das hat Sie bislang nicht interessiert? Warum eigentlich nicht?

Willkommen in meiner Welt des Engagements für Frauenrechte. In der Welt der alltäglichen Gewaltexzesse gegen Frauen. Die Frauenhäuser sind proppenvoll – nicht wegen Ausländern, die Frauen an Brüsten und im Schritt betatschen, um ihnen dabei das Portmonee zu entwenden, sondern wegen Ehemännern, Brüdern, Onkeln und Väter, die sie zum Beischlaf zwingen oder misshandeln. Die sie mit dem Tod bedrohen. Aus jeder Schicht, jeder Ethnie, jedem Bildungsstand.

Öffentliche Attacken gegen Frauen sind anscheinend neu. Die Polizei soll gesagt haben: In diesem Ausmaß sei das völlig unbekannt. Mag sein. Vielleicht hat sie bislang weggeschaut. Das nicht ernst genommen. Vielleicht trauten sich Frauen bislang nicht, sich bei Vorfällen aufs Revier zu gehen. Es wird viele Gründe geben, warum das Phänomen jetzt so die Gemüter erhitzt. Und warum ausgerechnet überwiegend Nordafrikaner und/oder Araber Frauen an Silvester belästigt haben.

Sexualisierte Gewalt! Manch einer hat vorher dieses Begriffspaar noch nie genutzt und mutiert plötzlich zum Experten. Und hat doch keine Ahnung.

Zu Gewalt hat jede und jeder eine Meinung, Natürlich lehnt man sie ab. Höchstens zur Verteidigung? *zwinkerzwinker* Und schon gar, wenn sie sich gegen Frauen richtet. Doch warum eigentlich? Gewalt ist doch immer scheiße. Oder ist sie es besonders, wenn sie von Ausländern begangen wurde? Von Asylbewerbern, von Flüchtlingen? Diese Mistkerle mmissbrauchen unsere Gastfreundschaft. Wie viele Mistkerle missbrauchen ihre deutsche Staatsangehörigkeit, um immer wieder davon zu kommen? Weil man das von Männern, die brav ihrer Arbeit nachgehen und Steuern zahlen, nicht denkt. Und wenn es dann vorkommt, mutieren sie in den Medien zum Monster. Steigerung: Sexmonster. Es darf nicht der normale Mann sein, der so was macht. Der seine Frau systematisch quält. Seine Töchter oder auch Söhne fickt. Seine Familie ermordet, wenn die Trennung bevorsteht. It’s Showtime, die Fassade steht.

Reden wir über Gewalt. Aber richtig. Über die Gewalt gegen Frauen, gegen Männer, die häusliche, die öffentliche. Über die Machtlosigkeit der Polizei. Über deren Belastung, aber auch den schrumpfenden Staatsapparat – das wollen doch alle, die für die Schuldenbremse sind?

Reden wir über die Gewalt, die vom Staat ausgeht. Über das Gewaltmonopol. Über die Kriegseinsätze unserer „Parlamentsarmee“ und traumatisierte Soldaten, denen nicht geholfen wird. Sie finden, jetzt übertreibe ich? Nein, tue ich nicht. Wann ist Gewalt erlaubt, wann nicht? Es ist doppelzüngig, zu sagen: Gewalt von Ausländern gegen deutsche Frauen, das darf nicht sein. Man bedenke: Auch deutsche Waffen haben in den Heimatländern dieser Menschen unendlich schlimme Gewalt ausgeübt. Und wir glauben, es kommen nur Friedensengel in unser Land? Die Gewalt kommt nicht zurück? Wie naiv!

Ich kenne Menschen, die haben mit ansehen müssen, wie Familienmitglieder ermordet wurden. Die als Kindersoldaten zwangsrekrutiert wurden. Deren Häuser abgefackelt wurden. Die vergewaltigt wurden – Männer wie Frauen. Frauen werden nicht selten systematisch geschwängert. Was, meinen Sie, macht das mit den Menschen? Aber therapeutische Hilfe ist Mangelware in den Erstaufnahmeeinrichtungen. Viele Flüchtlinge schreien nachts und entwickeln Suizidgedanken, wenn sie abgeschoben werden (sollen)..

Ich bin selbst Opfer von Gewalt im öffentlichen Raum geworden. Einmal auch von sexueller Nötigung. Ich war da noch ein Teenager. Angezeigt habe ich keinen dieser Vorfälle. Weil ich nicht den Mut hatte, weil mich niemand unterstützt hat. Weil es verharmlost wurde. Ich sage Ihnen, ich habe Jahre gebraucht, um mich nicht mehr zu fürchten, im Dunkeln alleine draußen zu sein. Ich möchte nie wieder Angst davor haben, im Dunkeln alleine raus zugehen. Ich verabscheue Gewalt. Sie ist für uns Frauen aber alltäglich. Egal von welcher Herkunft der Mann oder die Männergruppen jeweils gewesen ist/sind.

Wir reden endlich über sexistische Gewalt! Wer sich das erste Mal damit beschäftigt, möge sich damit befassen, was es an Gewalt im eigenen direkten Umfeld gibt. Und wo er selbst vielleicht schon übergriffig geworden ist. Die Erfahrung lehrt, dass oft die am lautesten schreien, die etwas zu verbergen haben. Das mag ein zu pauschaler Spruch sein, aber oft genug ist auch was dran. Wer sich für Gewalt an Frauen interessiert, möge den Landesaktionsplan Opferschutz lesen. Oder sich mal über die Stelle beim Landeskriminalamt erkundigen, in der zwei Dutzend Beamtinnen arbeiten, die sich ausschließlich mit häuslicher Gewalt befassen. Nur für Hamburg!

Gewalt gegen Frauen ist so verdammt alltäglich, dass die Zeitungen doppelt so dick sein müssten, würden sie über die Vorfälle so berichtet, wie über die an Silvester 2015/2016. Doch selbst so genannte Familiendramen schaffen es oft nur noch ins Meldungsbein.

Vergessen wir nicht, dass auch Armut ein Gewaltverhältnis ist. Was sie mit Menschen macht, ist irreparabel. Sexistische Gewalt unterscheidet sich dadurch natürlich, dass sie aufgrund der Geschlechterzugehörigkeit geschieht. Und da uns nichts so sehr prägt wie das eigene Geschlecht, wirkt sie sich immer fatal aus. Sie demütigt, schüchtert ein, macht handlungsunfähig. Nimmt Lebensqualität. Macht empfindungsunfähig. Erzeugt weitere Gewalt. Man schämt sich, man ist so tief verletzt. Es frisst im Innersten an einem. Logisch und konsequent reagieren danach nur wenige. Oder mit den erlernten Tricks aus dem Selbstverteidigungskurs. So einen kräftigen Tritt in die Eier trauen sich leider nur wenige.

Reden wir endlich über sexistische Gewalt. Offen, ungeschönt, in aller Ehrlichkeit. Rassismus hat dabei kein Platz. Strengere Abschieberegeln auch nicht. Die Menschen tauchen dann ab und leben illegalisiert, so einfach ist das. Und: Wir haben in diesem Jahr mehrere Landtagswahlen. Denken Sie daran: Manch eine/r ist bereits im Wahlkampf! Und wie lässt sich besser auf Stimmenfang gehen, als mit Repressivität!

Reden wir über sexistische Gewalt, reden wir natürlich auch über Frauenbilder, die je nach Kultur, Ethnie, Herkunft unterschiedlich sind. Dazu haben in den vergangenen Tagen schon viele kluge Leute differenziert etwas gesagt. Leider kommt Differenziertheit oft nicht an. Wie sagte es der Journalist Georg Diez neulich: „Es ist das Wesen der Wahrheit, dass sie sich nach und nach offenbart, sonst wäre ja alles viel einfacher.“ Vor allem begreifen das jene nicht , in denen der Frauenhass tief sitzt oder die ihre Männlichkeit ständig darüber definieren müssen, dass sie sich über Frauen erheben. Viele Männer leben leider immer noch mit der Vorstellung, dass es vor allem zwei Kategorien von Frauen gibt: „Heilige oder die Hure“. Oder: „Alles Schlampen außer Mutti“. Es gibt noch viel zu lernen für diese Gesellschaft. Gleichberechtigung auf allen Ebenen ein maßgeblicher Beitrag : Gleiches Gehalt, gleiche Berufschancen, gleiche Möglichkeit in Vorständen. Anerkennung von Carearbeit. Abbau der elenden Doppelmoral bei der Sexarbeit. Und, und, und. Fangt an, über Gewalt zu reden. Fangt endlich an, über das Frauenbild dieser deutschen Gesellschaft zu reden!

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