Kersten Artus

Journalistin

Der Krebs mit der Farbe – auch ich liebe meinen Busen

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seite1veröffentlicht: Neues Deutschland, Wochenendausgabe 5./6. März 2016: Seite 1, Seite 2 und Seite 3

Ich bin 51 Jahre alt und gehöre damit ab jetzt zur Zielgruppe des Mammographie-Screenings. Künftig werde auch ich eingeladen, meine Brüste regelmäßig röntgen zu lassen. Frauen zwischen 50 und 69 Jahren, die in Deutschland wohnen, bekommen seit 2008 alle zwei Jahre einschlägige Post. In der Bremer Gesundheitsbehörde wurde die zentrale Stelle eingerichtet, die Briefe in ganz Norddeutschland verschickt. Der Versand erfolgt stadtteilweise – pro Quartal sind das allein in Hamburg circa 25.000 Frauen. Ich muss mich entscheiden: Gehe ich hin oder nicht? Es sind vor allem zwei Fragen, die mich beschäftigen: Kann diese Reihenuntersuchung Brustkrebs verhindern? Kann es mein Leben retten, wenn ich erkranke? Ich begebe mich auf die Suche nach Antworten.

seite2Es ist nicht einfach, eine „informierte Entscheidungsfindung“ zu treffen, wie Expertinnen und Experten das fordern. Die Meinungen der Fachleute könnten gegensätzlicher nicht sein. „Erfolgreich“, „kostenlos“, „teuer“, „umstritten“, „überschätzt“, „nutzlos“ – dem Mammografie-Screening werden mal eine gute, mal eine schlechte Eignung attestiert. Jedes Mal aber äußerst vehement.

Es ist entscheidend, dass eine Frau gut informiert ist, bevor sie sich für oder gegen eine Teilnahme am Mammografie-Screening entscheidet

Erfolgreich war das Mammografie-Screening in Deutschland nach Einschätzung des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA), dem mächtigsten Gremium des deutschen Gesundheitswesens, bereits im Jahr 2009, weil „wesentlich häufiger kleine Tumoren aufgespürt“ wurden. Frühestens nach fünf Jahren können seriöse Aussagen getroffen werden, kritisierten kurze Zeit später die dänischen Wissenschaftler Peter Gøtzsche und Karsten Jørgensen vom Nordischen Cochrane Zentrum Kopenhagen. Daraufhin warf Nikolaus Becker vom Deutschen Krebsforschungszentrum Heidelberg (DKFZ) den beiden mangelhafte Methodik vor.

Nach Ansicht von Helga Ebel von der Krebsberatung Aachen und Dr. Angela Spelsberg, der ärztlichen Leiterin des Tumorzentrums Aachen, ist das Mammografie-Screening riesiger Fortschritt für Frauengesundheit. Beide Fachfrauen haben lange für ein qualitätsgesichertes Früherkennungsprogramm gekämpft. Laut ihrer Erkenntnisse handelten sich mammografierten Frauen vor knapp 20 Jahren noch zu 97 Prozent falsch-positive Befunde ein, mit entsprechenden Behandlungsfolgen. Außerdem wurden zu dieser Zeit auch unter 50-Jährige geröntgt. Damals, sagt Helga Ebel, wären zudem keine europäischen Standards eingehalten worden. Viele Röntgengeräte wären ungeeignet, das Personal sei oft nicht qualifiziert gewesen. Es sei das erste und bislang einzige Früherkennungsprogramm, das kontrolliert würde. Ihrer Meinung nach müsste aber das Einladewesen dringend verbessert werden. Sie kritisiert: „Die Kassenärztliche Vereinigung gibt es nicht aus der Hand. Viele Frauen werden gar nicht eingeladen, dafür aber verstorbene Frauen und welche, die schon Krebs haben.“ Die Statistik bestätigt Ebels Kritik: Allein in Hamburg werden pro Quartal zwischen zwei und fünf Prozent aller anspruchsberechtigten Frauen nicht angeschrieben – in 2014 waren das fast 3.000 Frauen.

Meine Einladung ist doppelseitig eng betextet. Wie bei einer Vorladung werden Tag, Uhrzeit und Ort für meine Untersuchung mitgeteilt. Vier Personen haben es unterzeichnet – ob Männer oder Frauen, erkenne ich nicht, weil von den Vornamen nur der erste Buchstabe offenbart wird. Es sind die Namen der „programmverantwortlichen Ärzte Mammografie Screening Hamburg“. Außerdem lag ein Anamnesefragebogen bei und ein dünner Flyer, auf dem „Informationen zum Mammografie-Screening“ steht. Herausgeber ist der G-BA. „Eine von 200 Frauen wird dank ihrer regelmäßigen Teilnahme am Mammografie-Screening vor dem Tod durch Brustkrebs bewahrt“, heißt es darin. Klingt überzeugend. Aber es gibt an diesen Informationen massive Kritik: „Das ist soweit von der Wahrheit entfernt, das ich nur lachen kann“, kommentiert Peter Gøtzsche. Das feministische Frauen Gesundheitszentrum Berlin (FFGZ) urteilt noch drastischer: Mit großen Zahlen ohne Angabe von Bezugsgrößen würde Angstmache betrieben. Mammografie-Screening erhöhe lediglich das Risiko, zur Brustkrebspatientin zu werden.

Immerhin sterben seit Jahren immer weniger Frauen, die eine Brustkrebsdiagnose erhalten. Mamma-Karzinome stehen sogar nicht einmal mehr an der Spitze der Hauptkrebstodesursachen bei Betroffenen: Das DKFZ informierte darüber, dass Lungenkrebs in 2015 den Brustkrebs ablöst. Nach Auffassung der Frauenärztin Helga Seyler vom Familienplanungszentrum Hamburg liegt das aber nicht allein am Mammografie-Screening: „Die Möglichkeiten der Behandlung von Brustkrebs sind erheblich fortgeschritten. Brustkrebs führt längst nicht mehr zu Tod. Wir sehen es als chronische Krankheit.“
„Ich liebe meinen Busen – deswegen gehe ich jetzt zur Brustkrebs-Früherkennung.“, sagt Nina Petry. Und als wenn sie die Liebe zu ihrem Busen nochmal untermauern will, ist nackt, mit verschränkten Arme vor der Brust. Die Schauspielerin posiert auf rosafarbenen Plakaten an Hamburger U-Bahnhöfen, im Auftrag des Hamburger Mammografie-Screening-Centers. Ich überlege, wie Nina Petry den Satz aussprechen würde, stände sie persönlich vor mir. Läge die Betonung auf dem „liebe“? Oder würde sie das „Ich“ langgezogen aussprechen? Möchte sie mich überzeugen oder mir Vorhaltungen machen? Ich liebe meinen Busen auch. Ich würde alles tun, damit meine Brüste und damit auch ich gesund bleiben.

Wie lebensnotwendig es ist, die Einladung anzunehmen, wird mir in meiner Heimatstadt an weiteren Orten klar gemacht: An den Kassen in den Filialen einer hanseatischen Drogeriekette kann ich eine rosa Schleife als Anstecker kaufen – das internationale Symbol, das auf Brustkrebs aufmerksam macht. Ergänzend leuchtet auf der Binnenalster die 60 Meter hohe Fontäne im „Brustkrebsmonat“ Oktober pink – eine Aktion vom Mamma-Zentrum des Hamburger Jerusalemkrankenhauses. Reichlich unwirsch reagiert auf solche Kampagnen allerdings Dr. Gerd Gigerenzer vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung und Direktor des Hardling Zentrums für Risikokompetenz, auf diese Art Öffentlichkeitsarbeit: „Immer noch dominieren die rosa Schleifen die Meinungsbildung, anstatt ausgewogene und verständliche Information.“ Das FFGZ kommt zu dem Schluss: „Beim Mammografie-Screening handelt es sich um eine kollektive Täuschung. Kampagnen hierzu sind desinformierend, irreführend, fahrlässig.“

Warum eigentlich nimmt etwa nur die Hälfte aller eingeladenen Frauen den Termin zum Brust-Screening wahr? Ich habe meine Freundin Margot, 63, gefragt. Sie sagt: „Ich bin schon mehrmals eingeladen worden, aber nie hingegangen. Mir ist das zu anonym. Ich lasse mich regelmäßig von meiner Gynäkologin untersuchen. Es steht mir ja frei, eine Mammografie bei einem von meiner Gynäkologin empfohlenen Radiologen machen zu lassen, wo bei einem Befund eine persönliche Betreuung gewährleistet ist.“

Als Laiin kann ich entgegnen: Je früher der Krebs entdeckt wird, desto besser sind die Heilungschancen. Gehe hin, dann hast Du Sicherheit. Das bestätigt Dr. Angela Spelsberg: „Je früher ein Mammakarzinom gefunden wird, desto besser. Der Aufwand lohnt sich. Die Auswirkungen des Programmes auf die Versorgung sind schon erkennbar: Der Anteil an Brustentfernungen und an Chemo-Therapien hat in acht Jahren bei den Screening-Teilnehmerinnen in der Region Aachen kontinuierlich abgenommen. In den Niederlanden, in denen es die Reihenuntersuchung seit 25 Jahren gibt, haben Frauen mit entdeckten kleineren Tumoren, 15 Millimeter und darunter, mittlerweile eine normale Lebenserwartung wie Gleichaltrige ohne Brustkrebs.“
nd32016Doch ein Blick auf die Statistik verrät, dass das Screening frühe Krebse längst nicht immer aufspürt. Es wurden bei 23 von 10.000 Frauen immerhin so genannte Intervallkarzinome entdeckt, ergab ein repräsentativer Datenabgleich in Nordrhein-Westfalen in 2012. So werden Tumore bezeichnet, der zwei Jahre zuvor entweder noch nicht vorhanden waren, übersehen oder als gutartig einschätzt wurden. Das war jeder fünfte Brustkrebs! Meine Freundin Hiltrud, 58, berichtet mir ihre Erfahrungen dazu: „Ich erhielt meine Diagnose im Mai 2015. Das letzte Screening war knapp zwei Jahre her, es hätte jetzt wieder angestanden. Der Tumor war 2,3 Millimeter groß, ich habe ihn selbst getastet.“ Für sie war das nicht der einzige Schock: „Es hatten sich bereits Metastasen in der Hüfte angesiedelt, der Knochen war angebrochen, sodass ich wenige Wochen nach der Brust-OP auch noch ein neues Hüftgelenk eingesetzt bekam.“

Und nicht nur das. Beim Mammografie-Screening werden nicht nur gefährliche Karzinome so manches Mal nicht entdeckt. Es kann sogar etwas gefunden werden, was erstens niemals entdeckt worden wäre und zweitens auch keinen Schaden angerichtet hätte. Etwa Tumorzellen in den Milchgängen, die gar nicht in das umliegende Gewebe einfallen – so genannte „in-Situ-Karzinome“. Immerhin liegt ihr Anteil an Befunden durch das Screening bei über 15 Prozent – das ist jeder siebente Befund! Das Vorhandensein eines in-Situ-Karzinoms sei zwar ein Indiz, an Krebs erkranken zu können, aber sie selbst sind nicht lebensbedrohlich, sagt die Gesundheitswissenschaftlerin Professorin Dr. Ingrid Mühlhauser. Dennoch wird nach einem derartigen Befund operiert und therapiert. Zur Sicherheit. Eine umfassende Studie dazu ist im August 2015 erschienen. Das Ergebnis: Es könnte für die Sterblichkeit gar keine Rolle spielen, ob und wie sich eine Frau mit in-Situ-Karzinom behandeln lässt oder nicht. Das Mammografie-Screening wird zudem von vielen Frauen überschätzt, sagt Mühlhauser. Oft sei bereits der Unterschied zwischen Früherkennung und Vorsorge nicht klar. Früherkennung schütze nicht vor Brustkrebs, ein Tumor würde lediglich früher erkannt. „Früher ist nicht in jedem Fall besser“, sagt auch Frauenärztin Seyler, und fügt hinzu: „Bei einigen Frauen ist der Brustkrebs trotz einer früheren Diagnose nicht heilbar. Sie muss dann länger mit körperlichen und psychischen Belastungen der Erkrankung und Behandlungen leben.“ Da kann ich mit meinem gesunden Menschenverstand also einpacken.

Es ist wirklich nicht leicht, sich ein Bild vom Nutzen des Mammografie-Screenings zu machen. Manchmal haben Frauen auch gar keine Zeit dazu. So wie meine Freundin Birgit, 65. Sie hatte sich wie so viele andere Frauen nie groß mit dem Thema auseinandergesetzt. Als Selbstständige hat sie keine 40-Stunden-Woche und wenig Zeit für solche Fragen. Die Einladung zum Mammografie-Screening hat sie ohne Hinterfragen wahrgenommen. Gleich beim ersten Mal wurde der Krebs entdeckt. Sie erinnert sich gut daran: „Die Untersuchung war sehr schmerzhaft. Eine Woche nach dem Termin wurde ich ohne Angaben von Gründen erneut einbestellt. Ich dachte, die Aufnahme sei nichts geworden. Ich wurde in einen dunklen Raum geführt, man sagte mir weiter nichts. An der Wand hing ein Röntgenbild mit einem Busen. Ein weißer Fleck war zu sehen. Fünf bis zehn Minuten saß ich alleine in dem Raum. Dann kam eine Ärztin rein und sagte, das sei mein Busen, man müsse eine Biopsie machen. Die war ebenfalls eine schmerzhafte Angelegenheit. Ich sollte später anrufen, mir den Befund durchgeben zu lassen. Als ich dann telefonierte, habe ich zunächst niemanden erreicht. Ich war auf einer Tagung, meine Kolleginnen trösteten mich und sprachen mir Mut zu, weil sie mitbekamen, warum ich so aufgeregt war. Schließlich nahm jemand ab und ich erfuhr, dass der Befund positiv war.“

Auch eine ehemalige Kollegin von mir, Meike, 57, fühlte sich nicht sonderlich gut aufgehoben, als sie vor einigen Jahren einen Befund erhielt. Dabei war sie eine erfahrene Mammografie-Patientin: Seit sie 20 Jahre alt ist, lässt sie sich wegen familiärer Vorbelastung jährlich untersuchen. Die Biopsie erfolgte am Donnerstag vor Pfingsten. „Ich wurde mit der Situation völlig allein gelassen, es waren die schrecklichsten Feiertage meines Lebens. Am Dienstag danach kam dann die Entwarnung.“

Eine Brustkrebsdiagnose ist heute keine Todesnachricht mehr, sagen übereinstimmend alle Expertinnen und Experten. Operationen und Therapien sind besser und individueller geworden. Welchen Anteil das Mammografie-Screening daran trägt, zeigen diese Zahlen: „Von 1.000 Frauen, die über zehn Jahre am Screening teilgenommen haben, sterben etwa zwei weniger an Brustkrebs, als wenn diese 1.000 Frauen nicht daran teilgenommen hätten. Etwa fünf bekommen eine Krebsdiagnose, die sie ohne Screening nie bekommen hätten. Sie werden also ohne Not zur Patientin.“, sagt Professorin Mühlhauser. Eine aktuelle Schweizer Studie, beschrieben im Deutschen Ärzteblatt, kommt zu ähnlichen Ergebnissen: „Von 1.000 Frauen im Alter von 50 Jahren sterben binnen zehn Jahren statistisch 39 an anderen Ursachen als Brustkrebs und vier an Mamma-Karzinomen, sofern sie am Screening teilgenommen haben. Statistisch nur eine Frau mehr, nämlich fünf von 1000, sterben an Brustkrebs ohne Teilnahme am Screening.“ Brustkrebs, sagen Ingrid Mühlhauser und Helga Seyler, sei oft Schicksal. Ob man daran stirbt, sei durch Früherkennung wenig zu beeinflussen.

Immerhin: Eine Frau, die früh ein Kind bekommt und es lange stillt, erkrankt seltener daran. Die Forschung hat bis heute nicht herausgefunden, warum das so ist, aber Vergleiche mit ländlichen Regionen Asiens und Afrikas haben ergeben, dass hierzulande über sechs Prozent aller Frauen an dieser Tumorart erkranken, in Entwicklungsländern aber nur ein Prozent. Außerdem, heißt es in der Fachwelt, könnten 20 Prozent aller Mammakarzinome verhindert werden, wenn Frauen seltener adipös wären, keinen Alkohol tränken und nach den Wechseljahren keine Hormone einnähmen. Ich habe meine Kinder mit 22 und 23 Jahren bekommen, beide habe ich viele Monate lang gestillt. Alkohol trinke ich nur selten. Habe ich meinem Schicksal also ein Schnippchen geschlagen? Ein Schutz ist das sicher nicht. Aber es macht mich zuversichtlich.

Helga Seyler findet es entscheidend, dass eine Frau gut informiert ist, bevor sie sich für oder gegen eine Teilnahme am Mammografie-Screening entscheidet. Ihrer Erfahrung nach reagieren Frauen seit geraumer Zeit auch weniger irritiert, wenn es kritische Meinungen darüber gibt. Die gab es in jüngster Zeit reichlich – genaugenommen seit vor eineinhalb Jahren ein Skandal die öffentliche Meinung ins Wanken brachte. Ein Essener Radiologe hatte jahrelang ohne ausreichende Qualifikation das Programm im Ruhgebiet geleitet. Trotz vielfältiger Mängelhinweise seitens Essener Gynäkologinnen und Gynäkologen – Fehldiagnosen, verschlampte Gewebeentnahmen – handelte die Kassenärztliche Vereinigung zunächst nicht. Die Kritik am Mammografie-Screening erreichte die Populärpresse und damit Millionen betroffene Frauen: So berichtete das Star & Sternchen-Magazin „Closer“ auf vier farbigen Doppelseiten über Nutzen und Risiken der Reihenuntersuchung. Selbst der Fernsehzeitschrift „Auf einen Blick“ war das Thema eine Seite wert. Die „Apotheken-Umschau“, die laut Verlagsangaben monatlich von „jeder dritten Frau in Deutschland gelesen und damit auch die größte Frauenzeitschrift Deutschlands“ sei, titelte: „Unterschätzte Risiken – Brust-Screening – Frauen überschätzen den Nutzen der Krebsfrüherkennung und kennen den Schaden kaum“. Seyler bestäigt den Wandel: „Die Öffentlichkeit hat ein besseres Bewusstsein hergestellt.“

Eine Brustkrebsdiagnose ist heute
keine Todesnachricht mehr.
Operationen und Therapien sind
besser und individueller geworden.

Gibt es Alternativen? Es gibt blinde Frauen, die als Medizinische Tastuntersucherinnen (MTU) ausgebildet sind und sich Frauenbrüsten mit ihrem ausgeprägten Tastsinn widmen – 30 bis 60 Minuten lang, je nach Größe. Auf der Website von „Discovering Hands“ lese ich, dass die Methode die Brustkrebsfrüherkennung verbessere. In Norddeutschland gibt es nur eine Frauenarztpraxis, die eine MTU beschäftigt. Der „Stern“, der NDR und andere Medien hatten über die junge Frau wohlwollend berichtet. Ich melde mich also an und muss sieben Wochen Wartezeit in Kauf nehmen. Es ist eine gefragte Behandlung, scheint es und fühle mich bestätigt. Aber nur acht Krankenkassen finanzieren diese IGeL-Leistung. Meine Kasse ist nicht darunter. Ich überlege, mich ausgiebig zu beschweren und notfalls die Kasse zu wechseln. Es geht mir nicht so sehr um die 46,50 Euro, die mich die Untersuchung kosten würde. Es geht mir darum, die für mich beste Behandlung frei wählen zu können. Vorher erkundige ich mich bei den Expertinnen – und muss erfahren, dass Befürworterinnen wie Kritikerinnen des Mammografie-Screenings die Arbeit der MTU ablehnen: „Dieses Abtasten verringert nicht die Sterblichkeit, erhöht aber die Zunahmen an Verdachtsbefunden und unnötigen Eingriffen an der Brust.“, kommentiert Ingrid Mühlhauser. „Die Methode ist bereits Bestandteil der Diagnostik, die sonst Ärzten vorbehalten ist.“, kritisiert Helga Ebel. Ich sage den Termin wieder ab.

Wie sich eine Frau entscheidet, wird also weiterhin eine sehr persönliche Angelegenheit bleiben. Birgits Fazit ist eindeutig: „Ich bin dem Screening dankbar, wobei ich im Grunde genommen schon seit drei Jahren wusste, da ist was. Ich hatte immer etwas getastet, dachte aber nie an Krebs, weil ich immer glaubte, ein Krebstumor ist eine Art Knubbel. Meiner war ein „Tintenfisch“ – vorne platt und hinten faserich.“ Meike sagt, sie wird weiterhin jährlich zur Mammografie gehen. Margot wird auch künftig auf die persönliche Betreuung setzen. Und Hiltrud ist zuversichtlich, bald ohne Gehhilfen laufen und endlich wieder arbeiten zu können.

Wäge ich die Expertinnen- und Expertenmeinungen für mich ab, komme ich zu dem Schluss, dass ich keine falschen Befunde oder „Aus-Sicherheit-sollten-wir-operieren“-Diagnosen erhalten möchte. Ich habe den Zeitpunkt verstreichen lassen. Und da ich mich nicht zurückgemeldet habe, bekomme ich einige Wochen später die gleiche Einladung nochmal zugesendet. Der nun für mich vorgesehene Termin fällt ironischerweise genau auf das von mir abgesagte Datum für die MTU.

Es heißt in der Einladung, ich könne Bescheid geben, wenn ich keine Einladung mehr erhalten will. Wenn es neuere Studien gibt, die mich vom Mammografie-Screening überzeugen, nehme ich vielleicht in zwei Jahren teil. Oder in vier. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat eine Neubewertung zwischen Nutzen und Schaden angekündigt.

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