Kersten Artus

Journalistin

Sexismus und Rollenklischees: Erkenntnis kommt nie zu spät

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Vor kurzem sind zwei Texte erschienen, die zentrale Fragen der Frauenbewegung thematisieren. Jenna Behrends beschreibt den Sexismus in ihrer Partei, der CDU; Emilia Smechowski stellt dar, wie sie die Geschlechterprägung der Gesellschaft bei ihrer Tochter durch die Farbe Rosa erlebt . Beide Texte werfen Fragen auf, denen ich nachgehen möchte.

Denn es wäre als abgeklärte Kämpferin für Frauenrechte sehr einfach, zu behaupten: Das hätte ich Euch auch schon vorher sagen können. Das wäre zu schlicht – und respektlos gegenüber den beiden Autorinnen. Ich habe genügend Frauen erlebt, die erst durch ein persönliches Erlebnis begriffen haben, dass wir immer noch im Patriarchat leben und dass einer Jahrtausende langen Prägung einer Gesellschaft nicht durch toughes Verhalten ausgewichen werden kann. Das gilt für Rollenklischees wie für Männerdominanz. Oft müssen Unterdrückungsmechanismen erst am eigenen Leibe erlebt werden, bevor sie zu einer Wut führen, die widerständiges Handeln hervorbringt. Dennoch bin ich verwundert.

So schreibt Emilia Smechowski: „Bisher gab mir das Leben keinen Grund, mich mit Genderfragen zu beschäftigen.“ Und an anderer Stelle: „Bisher kämpfte ich nicht für andere, ich kämpfte für mich und mied Situationen, in denen ich als Frau benachteiligt gewesen wäre.“

Da frage ich schon, wo und wie sie vorher gelebt hat? Ob ihr noch nie sexistische Werbung aufgefallen ist? Was sie zur weiblichen Altersarmut sagt oder dass 62 Millionen Mädchen weltweit nicht zur Schule gehen können? Oder ob sie schon mal was von ständig überfüllten Frauenhäusern gehört hat? Oder wie sie damals über das Porträt von Laura Himmelreich, „Der Herrenwitz“ gedacht hat, in dem der FDP-Politiker Rainer Brüderle beschrieben wird?

Ich wundere mich, dass eine Frau erst so spät begreift, wie erbarmungslos und konsequent das Patriarchat weibliche wie männliche Rollen zuschneidet. Und gleichzeitig auch nicht, denn eigene Kinder öffnen den Blick für gesellschaftliche Verhältnisse, weil man plötzlich sieht, wie wenig Macht man als Eltern hat, wie wenig man wirklich beeinflussen kann.

Es gibt aber immer noch genügend Leute, die selbst nach Schlüsselerlebnissen resistent bleiben in Bezug auf strukturelle Diskriminierungen. Die sich einfach nicht vorstellen wollen oder können, dass etwas mit ihnen gemacht wird. Die Frauen- und Männerrollen als naturgegeben hinnehmen, pflegen und reproduzieren. Und sich nicht wundern, dass Ü-Eier, DUPLO und LEGO jetzt auch rosa sind. Das zu hinterfragen ist ein wichtiger Schritt, denn (Spoiler!) tatsächlich produzieren die Spielzeug- und Bekleidungsindustrie bewusst seit einigen Jahren in verschiedenen  Farben, um den Absatz zu erhöhen. In diesem Text werden beispielsweise die Mechanismen des Gender-Marketings hinlänglich beschrieben.

Insofern hat Emilia Smechowski Text etwas Befreiendes, Offenbarendes. Sie hat begonnen, die Verhältnisse in Frage zu stellen. Ich finde, sie hat einen guten Anfang gemacht. Wir werden hoffentlich noch viel von ihr lesen.

Jenna Behrends ist Mitglied der CDU und das aus Überzeugung. Sie beklagt in ihrem Text den Sexismus in Ihrer Partei. Sie schwärmt aber auch, nämlich über andere CDU-Frauen: „Es gibt sie, die tollen, großartigen Frauen in der Union: Angela Merkel, Ursula von der Leyen, Elisabeth Winkelmeier-Becker, Nadine Schön und viele andere.“ Nun stehen Angela Merkel und Ursula von der Leyen nicht gerade an der Sperrspitze des Feminismus. Mit frauenpolitischen Fragen haben sie es nicht so. Ich könnte ganze Aufsätze über die frauenfeindliche Politik der CDU schreiben. Angefangen mit dem Betreuungsgeld, weiter über die lange Weigerung, einen gesetzlichen Mindestlohn einzuführen bis hin zu dem stigmatisierenden Gesetz für Prostitution.

Tatsächlich aber ist es richtig, zu würdigen, dass in unserem Land eine Frau Bundeskanzlerin ist, eine weitere Frau Verteidigungsministerin. Mich widern die sexistischen Angriffe gegen diese beiden Frauen in den sozialen Medien regelmäßig an, insbesondere die fortlaufende Herabwürdigung von Frau Merkel in Bezug auf ihr Äußeres. Und dass eine Gesellschaft wie unsere mit einer Bundeskanzlerin nur klar kommt, wenn sie sie zur „Mutti“ macht, spricht für das eindimensionale Frauenbild, dass immer noch noch vorherrscht.

Darum geht es aber jetzt nicht. Es geht um eine junge Frau, die Sexismus in der CDU erlebt hat und darüber öffentlich schreibt. Das ist ein guter, ein mutiger Schritt. Dass sie aus dieser Partei nicht austritt, verstehe ich zwar nicht, aber ich verstehe auch nicht, warum man überhaupt in die CDU eintreten kann. Daher nehme ich davon Abstand, das zu beurteilen. Wenn Jenna Behrends Mitglied der CDU bleibt, hoffe ich, dass sie dort etwas bewegt. Ich bin skeptisch, weil aus meiner Sicht die CDU vor allem ein Karriereportal für die bürgerliche Mittelschicht ist. Feminismus ist aber eine übergreifende Strömung und es tut immer wieder gut, ihn auf allen Ebenen und in allen Milieus zu spüren.

2 Kommentare

  1. Da gebe ich dir vollkommen recht ich bin zwar keine Frau aber ich habe Augen und Ohren! Die sagen mir ,da stimmt immer noch nicht alles!

  2. Natürlich braucht es persönliche Erfahrungen, um aufzuwachen. Wenn der Weg zuvor nicht über Krankheit lief, haben die Frauen Glück gehabt und bleiben handlungsfähig. Der Krankheitsweg ist ein längerer, frau klinkt sich aus, jedoch das Ergebnis ist dasselbe.

    Da wir auf der Welt sind, um zu lernen, um uns zu entwickeln, habe ich meine Lektion gelernt unjd diesbezügliche Fehler nicht wiederholt. Somit ließ ich mich auch nie mehr vereinnahmen – von niemanden.

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