Kersten Artus

Journalistin

Unsere erste Reise

| 1 Kommentar

img_0020Wir haben einen freien Vierer im Metronom gefunden. Den Buggy lege ich ins Gepäckfach, die Transporttrage stelle ich vor unseren Sitz. Als der Zug anfährt, hole ich das erste Lunchpaket aus dem Rucksack. Es gibt Zucchini-Möhren-Mus. Mein Enkel futtert kleine Häufchen weg, die ich ihm löffelweise gebe – bis Harburg, dann macht er den Mund nicht mehr auf. Wir sind auf Reisen, und das ist vor allem für mich aufregend. Ich bin das erste Mal mit ihm allein unterwegs. Ob alles gut geht?

Es geht nach Bremen, einen Nachmittag lang. Mein Enkel ist jetzt acht Monate alt. Er kann sitzen, findet alles um sich herum superinteressant und isst für sein Leben gern.

Zwei Frauen sitzen in unserer Nähe. Sie werden von zwei großen Babyaugen taxiert – endlich gucken sie! Er lächelt sie an. Das wirkt magisch: sie lächeln zurück. Die Reaktion wird mit einem Grunzen kommentiert.

Ich versuche etwas in der Zeitung zu lesen, höre aber bald damit auf. Denn es ist viel witziger, ihm dabei zuzuschauen, wie er die Zeitung „liest“: Sie wir geknüllt, über den Kopf gestülpt, zerrissen. Die kleinen Stückchen werden genauestens betrachtet. Seine Hände sind nach wenigen Minuten schwarz.

Damit reibt er sich die Augen. Ich nehme ihn auf den Arm, erfinde da-da-da-Melodien und summe sie ihm sanft ins Ohr. Nach zehn Minuten ist er eingeschlafen. Prima! Bis Bremen ist es noch eine gute halbe Stunde! Doch vor Rotenburg/Wümme kommt eine Durchsage: Störung, Schaden. Im Bahnhof wird repariert, man hofft, dass es schnell weitergeht. Wenige Minuten später wird allen Reisenden empfohlen, in den nächsten Metronom umzusteigen. Aber ich habe das schlafende Kind im Arm, ihr Penner!

Eine Frau hilft mir, die Trage zu schultern. Ich greife den Buggy und steige aus. Der Menge hinterher. Treppe runter, durch den Tunnel, auf den anderen Gleis. Doch wir sind offenbar falsch. Wieder Treppe runter durch den Tunnel. Wo geht es jetzt hin? Doch wieder hoch. Eine afrodeutsche Frau spricht mich an, ob sie den Buggy halten soll. Ich gebe ihn ihr dankbar. Wir gehen zusammen hoch. Sie ist mit vier anderen Frauen unterwegs – alle etwa so alt wie ich. In ihrem Dialekt reden und lachen sie laut – der Lütte wacht davon aus. Nur gut zehn Minuten hat er geschlafen, oje. Ich sehe unseren Ausflug als beendet an. Doch er ist ganz friedlich und schaut sich die Frauen an. „Ist das ihr Kind?“, fragt mich eine. Die Frauen sind entzückt, dass Oma und Enkel unterwegs sind und schäkern mit ihm. Das gefällt ihm.

Der neue Metronom fährt ein, ich verliere die helfenden Frauen aus den Augen. Bis nach Bremen ist es nun nicht mehr weit. Ich setze ihn in die Transporttrage, nun thront er über allem, und schaut und schaut und schaut …

Dort angekommen treffen wir meinen Vater und meine hochschwangere Schwester – zusammen gehen wir auf die Haushaltsmesse. Wir bummeln durch die Hallen, der Kleine macht das mit, denn es gibt so viel zu gucken. Ein toller Ur-Opa, eine sehr junge Großtante, dann ich als Oma und der Enkel – wir sind heute eine ganz besondere Familienkonstellation. Und eine gute gelaunte dazu. Der zweiten Teil des Gemüsemuses wird gegessen, während wir Großen Waffeln schlemmen.  Die Windel ist voll. Niemanden stört es, dass ich ihm mitten in einem Messe-Café eine neue anlege.

Drei Stunden später fahren wir wieder zurück. Diesmal nehmen wir den ICE. Der ist schneller, der Kleine müsste eigentlich umgehend einschlafen. Ich treffe eine Kollegin, wir setzen uns zusammen. Mein Enkel sitzt auf dem heruntergelassenen Klappbrett vor mir und futtert Hirsebällchen. Mit einem Mal streckt er mit seine kleine Hand hin – ich bekomme ein Bällchen ab! Das erste lässt er zu früh los, es kullert unter einen der Sitze. Das zweiten schnappe ich mir mit dem Mund. Ich werde von einem freundlichen, kleinen Gesicht angegrinst, als ich es laut schmatzend im Mund aufweiche.

Kurz vorm Hauptbahnhof übernimmt die Müdigkeit unüberhörbar die Regie. Ich mache allerhand Quatsch, um sie zu vertreiben – mit erstaunlichem Erfolg. Der Zug fährt über die Elbe, die Sonne geht über dem Hafen unter – der Himmel nimmt verschiedene Farben an, die Silhouette Hamburgs zeichnet sich markant darunter ab. Als der Zug in Hamburg hält, steigen wir beide aus und werden schon in Empfang genommen. Jetzt geht es schnell nach Hause. Eine halbe Stunde später bekomme ich eine Nachricht: Er hat noch einmal richtig viel gegessen, noch eine Windel vollgemacht und ist dann friedlich eingeschlafen.

Morgens bekomme ich die nächste Nachricht: Bis um 6 Uhr dauerte der Babyschlaf an. Ich hoffe, mit angenehmen Träumen …

 

Ein Kommentar

  1. Deine Erlebnisse mit dem Enkel sind immer liebevoll und interessant!

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