Kersten Artus

Journalistin

Die Tödin

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dsc_9938Weibliches Erbe: Die Theologin Andrea Martha Becker bildet Frauen zu Trauer- und Sterbebegleiterinnen aus. Erschienen im FREITAG, 12. November 2015

Der Tod war früher nicht allein unterwegs. Die Tödin begleitete ihn. Legenden, Gedichten und Sagen zu Folge stritten sie miteinander, führten Zwiegespräche, teilten sich die Arbeit. Tödinnen kennt heute so gut wie niemand mehr. Dabei ist der Tod im russischen und französischen feminin. Die „Santa Muerte“, die Tödin, spielt auch im Totenkult Mexikos und Kubas eine Rolle. Doch selbst bei Übersetzungen ins Deutsche wird er kurzerhand entweiblicht.

Es gab im Mittelalter weitere Frauen, die das Trauern und Sterben als Beruf ausübten: Die Seelfrauen. Sie überbrachten in Dörfern und in Städten Todesnachrichten, nähten Leichenhemden, übernahmen Pflege und Totenklage, spendeten Trost. Heute liegen Beerdigungen, Trauerreden oder Seelsorge überwiegend in männlicher Hand. Die Theologin Andrea Martha Becker aus Hamburg will das ändern: Seit drei Jahren bildet die 52-jährige gebürtige Karlsruherin Frauen zu Trauer- und Sterbebegleiterinnen aus. „Seelfrauen“, sagt die ehemalige Krankenschwester, „begleiteten Trauernde und Sterbende mit Kompetenz und Empathie. Sie spenden Trost und helfen beim Abschied. Frauen hatten eine entscheidende und über Jahrhunderte vergessene Rolle im Umgang mit Sterbenden und Hinterbliebenen. Wir treten heute das historische Erbe unserer Vorfahrinnen an.“

Schon früh beschäftigt sich Andrea Martha Becker mit alternativen Heillehren – und stößt auf den Schamanismus, der mit seinen Ritualen wie Gebeten und Gesängen Botschaften ins Jenseits und Kontakt mit verstorbenen Seelen ermöglichen soll. Sie entdeckt altes Frauenwissen, befasst sich mit feministischen Befreiungstheologien und führenden Kirchenfrauen. So etwa mit der Theologin und Dichterin Dorothee Sölle (1929-2003), der feministischen Theologin Luise Schottroff (1934-2015) oder der Religionsphilosophin Saskia Wendel (51). Becker studiert katholische Theologie. Ihre Erkenntnis: „Die Rolle der Frau in der Kirche war immer bedeutsamer, als man uns heute glauben machen will. Gleiches gilt beim Trauern und Sterben. In unserer Kultur gibt es ein reiches, vornehmlich weibliches Erbe an Unterstützungs- und Begleitungsmöglichkeiten für Menschen an Lebensübergängen und in Trauer.“

Die katholische Kirche betrachtet die Aktivitäten ihres Mitgliedes mit ziemlichem Argwohn. Als Becker beginnt, Trauernde und Sterbende zu begleiten, wirbt mit einem Flyer, der Nut, Göttin der Gestirne, abbildet. Sie ist eine Figur aus der ägyptischen Mythologie. Nut verschluckt abends die Sonne und gebärt sie morgens wieder – in Person des Sonnengottes Re. Becker findet: „Dieses Symbol spendet Trost. Die Sonne verschwindet, sie kommt aber wieder.“ Das provozierte die Kirchenmänner. Sie untersagen der Katholikin, den Flyer in kirchlichen Einrichtungen auszulegen. Sie erkennt, dass es für sie keine Möglichkeiten der Zusammenarbeit gibt und tritt ein paar Jahre später aus der Kirche aus. Es sei zugleich ein Befreiungsakt von ihrem sehr frommen Elternhaus gewesen, bilanziert sie. Aber sie sagt auch: „Meine katholische Prägung fließt in meine heutige Arbeit als positives Erbe ein.“

Warum bildet Becker ausschließlich Seelfrauen und nicht etwa auch Seelmänner aus? Das männlich dominierte Beerdigungswesen, findet Becker, sei lange darauf ausgerichtet gewesen, Sterben und Tod technokratisch abzuwickeln. Die Toten sollten schnell unter die Erde, ohne dass Verwandte sich groß Gedanken hätten machen müssen. Heute hätten Angehörige immer öfter das Bedürfnis, auf Trauerfeiern zu reden oder auch nur eine Kerze zum Sarg tragen oder einen selbst geschriebenen Brief hineinzulegen. Den Toten etwas mit auf die letzte Reise zu geben – in welcher Form und wohin auch immer. Das vermittelt sie ihren Schülerinnen: „Die von mir ausgebildeten Frauen lernen altes Wissen um Geburt und Tod in zeitgemäßer Weise anzuwenden und werden in die Totennachsorge eingeführt. Dabei geht es auch um Seelengeleit.“ Sie gibt allerdings zu: „Auch unter den Männern gibt es zunehmend gute Seelsorger und Trauerbegleiter. Wir haben die entscheidenden Impulse dafür gegeben.“

Über die Hälfte aller Befragten einer repräsentativen Umfrage des Deutschen Hospiz- und Palliativverbandes findet, dass sich die Gesellschaft zu wenig mit dem Thema Sterben und Tod befasst. Zu einem Wandel im Umgang mit dem Sterben dürfte auch die wachsende Anzahl von Hospizen beigetragen haben. An die 200 gibt es mittlerweile. Dazu kommen über 230 Palliativstationen in Krankenhäusern und circa 1.500 ambulante Hospizdienste. Von den etwa 850.000 Menschen, die jedes Jahr in Deutschland sterben, finden aber immer noch die Hälfte in Krankenhäusern den Tod, vier von zehn in Pflegeheimen. 66 Prozent aller Befragten möchten aber lieber zuhause sterben. Inzwischen gibt es immer mehr Kliniken, Pflegeheime und Bestatterinnen und Bestatter, ebenso wie Hospizeinrichtungen und Palliativstationen, die einen Abschiedsraum bereitstellen.

Zu einem Informationsabend, zu dem Andrea Martha Becker Mitte September in der Hamburger Frauenbibliothek „Denk(t)räume“ eingeladen hatte, sind knapp ein Dutzend Interessierte gekommen, keine ist unter 40 Jahre alt. Kerzen brennen, gelb und rot schimmernder feiner Tüll liegt auf den Tischen. Auf einem Flipchart stehen die Ausbildungsabschnitte angeschrieben – 14 Wochenenden in zwei Jahren, alle zwei Monate eines. Fast alle Zuhörerinnen haben einen Schreibblock auf ihrem Schoß und schreiben mit, während Becker spricht. Seelfrauen, referiert sie vor den Zuhörerinnen, würden Trauernde beim Wiederfinden des psychischen Gleichgewichts unterstützen und könnten der verstorbenen Seele den Übergang erleichtern. Die Ausbildung sei aber auch eine tiefgreifende Selbsterfahrung. Am Anfang stände eine ausführliche Selbstkritik: Warum will ich helfen? Wo sind meine Grenzen? Bin ich fähig, zu erkennen, wann ich anfange, mich zu identifizieren? Becker: „Es geht darum, trauernde und sterbende Menschen mit psychologischem Feingefühl und fachlichem Wissen zu begleiten. Dabei ist eine spirituelle Offenheit wichtig. Seelfrauen wenden altes Frauenwissen um Tod und Sterben an.“ Becker erläutert aber auch, wo die Risiken der Tätigkeit lägen. Man müsse Frust aushalten können, weil nicht immer sofort eine Rückmeldung käme. Es gäbe auch nicht immer Anhaltspunkte, ob die Dienstleistung gut gewesen sei.

Worin bestand das alte Frauenwissen? Ernie Kutter, Autorin des Buches „Schwester Tod“, legt dar, dass vor der Hexenverbrennung Leichenwäscherinnen oder Totenammen zugleich Geburtshelferin und Hebamme in einer Person gewesen seien. Der Zusammenhang bestehe darin, dass Neugeborene langsam in diese Welt eintauchen und Verstorbene sich langsam von ihr lösen. Praktisch könne das unter anderem so aussehen: „Das sanfte Wiegen und Berühren, zum Beispiel Stützen, Halten, Wiegen oder sanfte Massagen können Atemnot, Ängste, Unruhe und andere Beschwerden lindern. Der Atem ist eine Brücke zur Seele, der auf diese Weise geholfen wird. Lieder oder Musikstücke können schmerzlindernde, entspannende und beruhigende Wirkung haben, die ein Mensch zu Lebzeiten gern gesungen oder gehört hat.“

Sterben Frauen anders? Sigrid Beyer, Herausgeberin der wissenschaftlichen Ausarbeitung „Frauen im Sterben, Gender und Palliative Care“ legt dar, was im Innersten schwerstkranker, sterbender Frauen geschieht. So gäbe es spezifische Stärken und Fähigkeiten sterbender Frauen. Die meisten würden versuchen, so lange wie möglich unabhängig zu bleiben, sich selbst zu versorgen und niemandem zur Last zu fallen. Ein gepflegtes Aussehen, Schönheit und Attraktivität wären auch in der letzten Lebensphase von Bedeutung. Körperlicher Verfall und krankheitsbedingte Veränderungen oder Entstellungen würden oft als Persönlichkeitsverlust erlebt.

Seelfrauen unterscheiden sich von anderen Sterbebegleiterinnen und Fachleuten in Hospizen darin, dass sie über geschlechtsspezifisches Wissen verfügen. Sie haben die weibliche Hinterlassenschaft der „Ars moriendi“, der „Kunst des Sterbens“, die stark von geistlichen Männern und ihren Werten geprägt ist, und deren Inhalte ab dem späten Mittelalter nur noch im Geheimen weitergeben werden konnte, bei Andrea Martha Becker kennengelernt. Hierzu gehören laut Ernie Kutter „machtvolle Helferinnen und Helfer, die – schon zu Lebenszeiten den Menschen gegenwärtig – über die Schwelle halfen, in der Todesnot trösteten und als zuverlässige Begleiterinnen und Begleiter auf der Reise in eine andere Welt galten.“ Dazu zählen etwa die heilige Ursula, Fährfrau über die Wasser der Zwischenwelt, die heilige Gertrud, die Verstorbenen eine Herberge auf dem Weg in eine andere Welt gewährte oder die heilige Barbara, die heute noch als Schutzheilige der Bergleute gilt.

Becker legt allerdings Wert darauf, dass Trauern und Sterben etwas sehr Individuelles ist. Und dass es keine richtige oder falsche Trauer gibt: „Frauen meinen zum oft zu wissen, wie man trauert. Daran gehen Ehen kaputt! Dabei ist ein Mann oft nur sprachlos und kann seine Gefühle nicht äußern.“

Ende November* beginnt bereits der dritte Kurs von Andrea Martha Becker für weibliche Trauer- und Sterbebegleiterinnen in Hamburg-Bergedorf, dessen Inhalt die Anforderungen des Bundesverbandes für Trauerbegleitung erfüllt. Knapp ein Dutzend Frauen haben sich angemeldet. Diejenigen, die ihre Ausbildung bereits beendet haben, sind bereits als Seelfrauen aktiv: Es sind ehemalige Altenpflegerinnen unter ihnen, Frauen, die einst eine Krebsdiagnose bekamen, oder die die Ausbildung berufsbegleitend absolvierten. Wie Janin Boecker, 47, Coachin: „In meinen Beratungen habe ich oft mit Trauer zu tun. Nicht nur, wenn es um verstorbene Angehörige geht, sondern auch, wenn Lebenspläne gestorben sind oder eine Partnerschaft scheiterte. Ich bin jetzt viel intuitiver in meinem Vorgehen.“ Und die ehemalige Altenpflegerin Anja Thoms-Schnipper, 59, resümiert: „In der Pflegeausbildung ist seelische Begleitung nicht vorgesehen. Man zu wenig Zeit für die Menschen, das ist immer schlimmer geworden. Ich habe jetzt etwas nachgeholt, was mir im Umgang mit Pflegebedürftigen immer gefehlt hat. Als Rentnerin werde ich mich in einem Hospitz engagieren.

Becker ist überzeugt: „Es sind die Frauen, die maßgeblich dazu beigetragen haben, dass sich Sterbebegleitung, Trauerfeiern und Beerdigungen verändern. Sie gehen mit Sterben und Tod einfach anders um als Männer.“ Der Wandel in der Beerdigungsbranche bestätigt ganz offenbar diese Auffassung: Die Hälfte der bundesweit 476 Ausbildungsplätze zur Bestattungsfachkraft wird mittlerweile durch Frauen besetzt.

Die Tödin, DER FREITAGerschienen im FREITAG, 12. November 2015

 

 

 

* = Der nächste Kurs beginnt Ende Mai 2016

Mehr Infos: http://www.seelfrau.de

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2 Kommentare

  1. Sehr interessanter Beitrag, habe ihn gerade auf dem nichtöffentlichen Blog des Masterstudiengangs „Palliative Care“ der Uni Bremen verlinkt. Herzliche Grüße!

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