Arbeit verstehen

img_8074Nun ist er zwei Jahre alt, kann ganze Sätze sprechen und verschiedene Lieder anstimmen. Von „Oh Tannebaum“ singt er komplett die erste Strophe. Ich vermute, das Lied wird uns auch noch im Sommer begleiten. Mein Enkel wiegt fast 15 Kilogramm, hat lange blonde Locken, ist ziemlich kitzelig und zieht gern Grimassen. Er kennt die Vornamen seiner Großeltern, seiner Eltern und der Kinder seiner Krippengruppe. Den Namen eines FC St. Pauli-Kickers schreit er, wenn er einen Ball in ein Tor kickt. Groß ist er geworden. Mit viel Persönlichkeit.  Arbeit verstehen weiterlesen

Der Übergriff

Ich war in der 6. Klasse, als ich bei einer Schulkameradin zum Übernachten eingeladen gewesen war, also war ich elf oder schon zwölf Jahre alt. Mit mehreren Mädchen wollten wir im ausgebauten Keller in Doris’ Elternhaus schlafen. Der Weg dorthin war ziemlich weit. Sie wohnte in einem anderen Stadtteil als ich. Ich fuhr mit dem Fahrrad aus Oberneuland raus, die Franz-Schütte-Allee entlang. Diese Straße führt zwei Kilometer lang ohne eine einzige Kurve nach Bremen rein. Sie hat zwar auf der einen Seite eine Weg für Fußgänger und Radfahrer, doch eigentlich ist sie eine Autostraße. Der Übergriff weiterlesen

Okay, reden wir endlich über sexistische Gewalt

gewalt_gegen_frauen_02Okay, reden wir über Gewalt an Frauen. Wir begehen seit vielen Jahren am 25. November den internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen und Mädchen. Wir treffen uns dazu mal im Rathaus, mal auf Veranstaltungen – weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit. Brötchentüten mit dem Aufdruck “Gewalt kommt nicht in die Tüte” gibt es in wenigen Tausend Exemplaren, kauft man beim Bäcker ein. Hatten Sie eine in der Hand? Im letzten Jahr hat die Hamburger Sozialbehörde eine Kampagne dazu entwickelt. Wer erinnert sich an diese? Es gibt seit einiger Zeit das bundesweite Hilfetelefon für Frauen, die Opfer von Gewalt wurden. Kennen Sie die Nummer? Ach, das hat Sie bislang nicht interessiert? Warum eigentlich nicht? Okay, reden wir endlich über sexistische Gewalt weiterlesen

Dem Feminismus verloren

titel0616Die vermutlich älteste Frauenzeitschrift Deutschlands ist Ende 2015 das letzte Mal erschienen – und niemand hat es bemerkt. Frauenrat, die Publikation der gleichnamigen feministischen NGO, ist nach 63 Jahren eingestellt worden. In ihrer letzten Ausgabe beschäftigt sich das Blatt dem Thema Abschied.

Ich finde: Gerade in einer Zeit, in der die Gesellschaft über Sexismus diskutiert wie lange nicht, ist ein seriöses Blatt auch und gerade in gedruckter Form erforderlich. Dem Feminismus verloren weiterlesen

Eine Homestory vom Aufräumen

img_7914Das vorletzte Biotop in meinem Haushalt ist mein Kabuff. Das liegt nicht unbedingt an den Dingen, die dort lagern, sondern an mangelnder Lust, einzugreifen. Es gibt dort Objekte, die fasse ich höchstens einmal im Jahr oder seltener an. Andere nutze ich regelmäßig. Doch ob häufig genutzt oder nicht: Es werden immer mehr. Eine Homestory vom Aufräumen weiterlesen

Hartz IV-Familie nimmt Flüchtlinge auf

anhang-14-e1450811864141Es ist keine Weihnachtsgeschichte, es ist eine normale Geschichte. Und doch ist sie es nicht, denn wenn eine Sarah Connor oder ein Kai Diekmann Flüchtlinge aufnehmen, kann sich das jeder gut vorstellen, sie haben ja viel Platz in ihren großen Häusern. Wenn aber eine Alleinerziehende und ihr Sohn gleiches tun, ist es außergewöhnlich. Von dieser Familie handelt diese Geschichte.

Dass es so zeitintensiv würde, hätte Manuela Pagels (55) nicht gedacht, als sie die Idee hatte, eine syrische Familie aufzunehmen. „Mir taten die Menschen einfach Leid, die tagtäglich am Hamburger Hauptbahnhof stranden. Ich habe mir vorgestellt, wie es mir ergehen würde, wenn ich mit meinen Sohn hätte flüchten müssen.“ Manuela wollte daher das wenige, was sie hat, teilen. Sie ist Aufstockerin, weil ihr Lohn, den sie als Reinigungskraft verdient, zum Leben nicht reicht. Zusammen mit Ibo (10) lebt sie in einer Erdgeschosswohnung in der Eimsbütteler Lenzsiedlung. Drei Zimmer, Küche, Bad, kleine Terrasse – das ist ihr kleines Reich, das sie teilen wollte. Hartz IV-Familie nimmt Flüchtlinge auf weiterlesen

Macht Betriebliches öffentlicher!

Ibrahim Ergin ist Betriebsratsvorsitzender der Meyer-Werft. Das Unternehmen will ihn kündigen, weil er Auszubildende genötigt haben soll, in die IG Metall einzutreten. Ich bin aus der Ferne Zuschauerin dieses politischen Prozesses, der in der Mitbestimmungsgeschichte Deutschlands seinesgleichen sucht. Ich nehme Anteil, weil man vor fünf Jahren versucht hat, auch mich wegen gewerkschaftlicher Betätigung rauszuschmeißen, und auch ich war eine Betriebsratsvorsitzende. Es war einer von drei Kündigungsgründen*. Macht Betriebliches öffentlicher! weiterlesen

35 Jahre DIDF

12377711_531722717001356_1999606381794836636_o„Hans und Hassan“ geben sich die Hand, und zwar auf dem Logo der DIDF, der Föderation demokratischer Arbeitervereine, die sich 1980 gründete. Das Motiv symbolisiert die Wichtigkeit der Solidarität verschiedener Nationalitäten miteinander. Seit 35 Jahren nimmt DIDF aktiv am Widerstand gegen Sozialabbau, Abbau demokratischer und gewerkschaftlicher Rechte, gegen Rüstung und Krieg teil. Jetzt feiert die DIDF ihr 35-jährigen Jubiläum und ich hatte als Landessprecherin der AG betrieb & gewerkschaft die Gelegenheit, ein Grußwort auf dem Hamburger Kongres am 13. Dezember zu halten. 35 Jahre DIDF weiterlesen

Nachwurf

„Lass uns bald zusammensetzen, damit wir Frauen aus der Fraktion uns keine gegenseitige Konkurrenz machen.“ Das sagte Dora Heyenn ein paar Monate vor der Bürgerschaftswahl zu mir. Das war Dora, wie ich sie kennen und schätzen gelernt habe: Strategisch denkend und mit dem Gespür für Lösungen, um nicht im falschen Moment unnötige Konflikte vorzufinden.

Ich hatte Vertrauen zu Dora. Und auch Respekt. Respekt gegenüber einer Person, die eine unglaubliche Kondition hat, die kämpfen kann und die nicht nachgibt, wenn sie ihr Ziel erreichen will. Wenn Dora etwas erreichen wollte, hat sie selten jemanden geschont. Aber sie hat immer auch Menschen eingebunden und teilhaben lassen.

Am Wochenende ist sie aus der Partei ausgetreten.
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„Bebe” frisst Brekkies und klaut Erdbeeren

bebeKrähe wächst bei einer Familie in Oberneuland auf, veröffentlicht im “Weser Kurier”, 18. Juli 2002

Alles Zerren ist zwar erfolglos — der Schnürsenkel sitzt fest. Doch auch als der Mensch einen Schritt macht, gibt der schwarze Vogel nicht auf: Er flattert hinterher, wenige Zentimeter über dem Boden zieht mit seinem vier Zentimeter langen Schnabel am herunterhängenden Ende des Schuhbandes, kräht frech. Schließlich fliegt er hoch und lässt sich auf einer Schulter nieder knabbert an dem Brillenbügel herum, der in Reichweite ist. Einige Passanten schauen ungläubig, einige kichern. „Die ist ja süüüß…” ruft ein Kind. „Bebe” frisst Brekkies und klaut Erdbeeren weiterlesen